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Britisches Schulsystem

 

Vereinigtes Königreich
1. Zuständigkeiten im Bildungswesen
Auf nationaler Ebene ist seit 1995 das Ministerium für Erziehung und Beschäftigung [Department for Education and Employment, DfEE] für die Entwicklung, Interpretation, Ausführung und Überwachung der nationalen Bildungspolitik im Rahmen der vom Parlament in London verabschiedeten Gesetze verantwortlich. Zu seinen weiteren Aufgaben zählt die Festlegung der Mindestanforderungen des Bildungsangebotes und in gewissem Rahmen die Zuweisung von Finanzmitteln an die lokalen Bildungsbehörden [Local Education Authorities, LEAs] und seit 1988 auch an einzelne Schulen. Weiter ist es für zentrale Bereiche der Lehrtätigkeit, insbesondere für die Ausbildung, Qualifikation und Versorgung der Lehrer verantwortlich.
Die LEAs waren ursprünglich für den gesamten Bildungsbereich außerhalb der Universitäten, d.h. Vorschul-, Primar-, Sekundarerziehung und Further Education sowie die Colleges of Higher Education in ihrem Bezirk zuständig. Zu ihren Aufgaben gehörte neben der Einrichtung und dem Bau von Schulen und Colleges auch die Ausstattung der Schulen, die Einstellung der Lehrer und nicht zuletzt die Entwicklung der Lehrpläne in Absprache mit den Schulen.
Unter der konservativen Regierung wurde die Entscheidungsgewalt der LEAs seit Ende der 80er Jahre schrittweise beschnitten. Zum einen wurden die LEAs die Further Education Colleges vollständig entzogen, zum anderen wurden ihre vormals weitreichenden Kompetenzen im Bereich des allgemeinbildenden Schulwesens stark beschnitten. Die einzelnen Schulen gewannen Autonomie, wurden aber gleichzeitig der Zentralregierung gegenüber stärker als zuvor rechenschaftspflichtig. Beispielsweise wurde den LEAs die Zuständigkeit für die Lehrkräfte genommen und den Schulen selbst übertragen.
Desweiteren verfügen die Regionen (Schottland, Nordirland und Wales) in bildungspolitischen Fragen über unterschiedlich weitreichende Entscheidungskompetenzen.

 

2. Allgemeinbildendes Schulwesen
Das Schulsystem in England und Wales ist von regionalen Unterschieden geprägt, die sich aus den Gestaltungsfreiheiten der Local Education Authorities (LEAs) bei der Einrichtung von Schulen erklären. Privatschulen machen einen wichtigen, wenn auch nur kleinen Teil des englischen Schulwesens aus.
Grundsätzlich ist das System folgendermaßen gegliedert:
– Elementarbereich (Vorschule; für Kinder unter 5 Jahren freiwillig);
– Primarbereich (5-11 Jahre);
– Sekundarbereich I (12-16 Jahre);
– Sekundarbereich II (17-18 Jahre);
– Akademische Ausbildung – Universität.
Organisationsstruktur der Pflichtschule: mögliche Varianten in den einzelnen LEAs

 

Modell I
Modell II
Modell III
Modell IV
Modell V
Modell VI
5-11
Primary School
5-11
Primary School
5-11
Primary School
5-11
Primary School
5-8
First School
5-8
First School

12-16 Secondary Modern School

possible transfer to

12-18 Secondary Grammar School
12-18 Comprehensive School
12-16 Comprehensive School
12-14
Junior Comprehensive School
9-13
Middle School
9-12
Middle School
17+
Tertiary College
15-18
6th Form College
14-18
Senior Comprehensive School
13-18 Comprehensive School
Zahlen=Lebensalter
In England und Wales gibt es zwei Abschlußqualifikationen, die am Ende der Schulzeit abgelegt werden können. Das General Certificate of Secondary Education (GCSE), das planmäßig nach 11 Jahren Schulbesuch im Alter von 16 Jahren erworben wird, und das Certificate of Education at Advanced Level (GCE A-Level), das nach zwei weiteren Jahren im Alter von 18 Jahren abgelegt wird. Bei den Prüfungen handelt es sich nicht um Schulabschlüsse in der Art, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland üblich sind. Es handelt sich vielmehr um Einzelfächerprüfungen, die in beliebigem Umfang und variabler Zusammenstellung absolviert werden können. Der Mittleren Reife entsprechen etwa fünf GCSE-Prüfungen. Mindestens zwei, faktisch aber drei GCE A-Levels entsprechen etwa dem Bildungsniveau des Abiturs. Dabei ist jedoch zu bemerken, daß mit A-Levels immer nur eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung erreicht wird.
Seit September 1987 wird zusätzlich eine weitere Form der A-Level-Prüfungen angeboten, die als Advanced/Supplementary Level (ergänzendes Fortgeschrittenen-Niveau, GCE A/S-Level) bezeichnet wird. Hierbei handelt es sich um Zusatzprüfungen, die in etwa die Hälfte des Lehrplanes für ein volles A-Level abdecken. Mit der Einführung der A/S-Level Prüfungen wurde beabsichtigt, einer frühzeitigen Spezialisierung auf wenige Fächer entgegenzuwirken, wie sie durch die Beschränkung auf die traditionellen A-Levels geschieht.
Anteil der von Schulabgängern erreichten Qualifikationen im Vereinigten Königreich, 1980/81 bis 1989/90 [in %]

 

Erreichte Qualifikation
Jahr
1980/81
1984/85
1989/90
2 oder mehr GCE A-Levels*
14,1
14,7
20,7
1 GCE A-Level
3,7
3,9
4,7
GCSE in mind. 5 Fächern,
Noten A-C
9,4
10,7
13,2
GCSE in 1-4 Fächern,
Note A-C
26,3
26,8
26,9
GCSE in mind. 1 Fach,
Noten C-G
32,8
32,7
26,1
Kein Prüfungserfolg
13,7
11,3
8,5
* Die angegebenen Abschlüsse entsprechen den heutigen Bezeichnungen. Das GCE O-Level und CSE wurden entsprechend berücksichtigt.
Die achtziger Jahre sind durch die verstärkten Bemühungen der Regierung gekennzeichnet, die Berufsbildung auszubauen, wofür der Begriff des New Vocationalism (Neue Beruflichkeit) geprägt wurde. Beispielsweise soll die berufliche Grundbildung im allgemeinbildenden Schulwesen verstärkt werden mit folgenden Schwerpunkten:
– Technical and Vocational Education Initiative (Initiative zur technischen und beruflichen Bildung, TVEI) mit dem Ziel der „Aufwertung von vorberuflichen und technischen Bildungsinhalten“ im Curriculum der Sekundarschulen;
– Certificate of Pre-Vocational Education (Zeugnis der vorberuflichen Ausbildung, CPVE) als neu eingeführter Bildungsabschluß an Schulen;
– Gründung von City Technology Colleges als Schulen mit einem speziellen, auf berufliche Aspekte ausgerichteten Curriculum zur verbesserten beruflichen Vorbereitung der Sekundarschulabgänger;
– vertragliche Vereinbarungen zwischen Schule und Betrieb: Compacts. Ziel der Compacts ist eine Verbesserung beruflicher Ausbildungschancen für Schulabgänger durch die Zusammenarbeit zwischen Schule und Unternehmen.

 

3. Hochschulwesen
Der Bereich der Hochschulbildung ist nicht gesetzlich geregelt. Indirekt erfolgt eine Definition anhand der Lehrpläne der angebotenen Kurse und Studiengänge sowie der zu erreichenden akademischen Abschlüsse, die vom DfEE durch das Higher Education Funding Council finanziert werden. Allgemein wird als Hochschulbildung jede Art fortgeschrittener Bildung anerkannt, die als Eingangsvoraussetzung das GCE A-Level oder ein Äquivalent verlangt.
Der größte Anteil der Hochschulbildung wird von den Universitäten abgedeckt. Sie sind selbständige Organe, die durch eine königliche Gründungsurkunde dazu berechtigt sind, akademische Abschlüsse zu verleihen. Die Zulassung der Studenten liegt in der Verantwortung der einzelnen Universität, die ihre eigenen Bestimmungen erläßt.
Neben den Universitäten gibt es noch ca. 100 andere Einrichtungen im Bereich der Hochschulausbildung. Hierbei handelt es sich um Institutes oder Colleges of Higher Education, an denen auch akademische Abschlüsse erreicht werden können. Manche dieser Institute haben sich in ihren Angeboten auf die Lehrerausbildung oder andere Bereiche wie etwa Kunst oder Design spezialisiert. Diese Institute stellen, da sie neben Vollzeitstudiengängen auch Teilzeitstudienmöglichkeiten anbieten, einen bedeutenden Teil der Hochschulausbildung des Landes dar. Sie sind jedoch nicht berechtigt, direkt eigene akademische Titel zu verleihen.
Die Open University ist eine besondere Einrichtung des Hochschulbereichs, da sie keine formale akademische Eingangsqualifikation verlangt. Sie wendet sich vielmehr an Teilnehmer, die vom regulären Hochschulwesen wegen des Fehlens einer formalen Eingangsqualifikation ausgeschlossen sind.

 

4. Berufsbildung
Nach elf Jahren Schulbesuch haben Schüler im Alter von sechzehn Jahren in England und Wales ihre Schulpflicht erfüllt. Von nun an müssen sie ihren weiteren Bildungsweg selbst bestimmen, da für sie keinerlei weitere Verpflichtung besteht, sich im allgemeinen oder beruflichen Bereich zu qualifizieren. Wenn sie sich für die Teilnahme an beruflicher Bildung entscheiden, stehen ihnen die folgenden Möglichkeiten offen:
- vollzeitschulische berufliche Ausbildung in einer Einrichtung der Further Education.
- Seit 1983 bietet die Regierung als Maßnahme gegen die Jugendarbeitslosigkeit das Youth Training an. Es wird im wesentlichen am Arbeitsplatz durchgeführt, außerbetriebliche Unterweisung findet nur ergänzend statt.
- Die traditionelle Lehre mit einer geregelten Ausbildung am Arbeitsplatz und schulischen Ausbildungsanteilen steht Jugendlichen nur noch selten zur Verfügung.
- Das on-the-job Training (Anlernen am Arbeitsplatz in einer regulären Anstellung) als eine Möglichkeit, ins Berufsleben einzutreten. Doch auch diese Form des Übergangs ins Arbeitsleben ist nicht mehr häufig anzutreffen.
Das Youth Training wendet sich neben sechzehnjährigen Schulabgängern an siebzehnjährige arbeitslose Jugendliche. Ab dem 1. April 1986 wurde das bis dahin einjährige Programm auf zwei Jahre ausgeweitet. Mit der Garantie der Regierung, im Jahr 1988 jedem arbeitslosen Jugendlichen einen Platz im Youth Training anbieten zu können, wurde die Arbeitslosenunterstützung für Sechzehn- und Siebzehnjährige gestrichen. So besteht heute für arbeitslose Jugendliche faktisch ein Zwang, am Youth Training teilzunehmen.
Die außerbetriebliche Ausbildung im Rahmen des Youth Trainings soll ein geplantes und begleitetes Lernprogramm sein. Die Dauer der außerbetrieblichen Ausbildung beträgt im ersten Jahr dreizehn Wochen und im zweiten Jahr sieben Wochen. Das Ablegen einer Abschlußprüfung ist nicht Pflicht, und es werden auch keine inhaltlich zu erreichenden Ausbildungsziele vorgeschrieben.
Ein wichtiger Aspekt zum Verständnis der britischen Berufsbildung ist das System zum Erlangen beruflicher Abschlußqualifikationen. Für den außenstehenden Betrachter bietet sich das Bild einer verwirrenden Vielfalt und Komplexität berufsbildender Angebote. Ähnlich wie im allgemeinbildenden Bereich ist eine große Vielzahl verschiedener Further-Education-Einrichtungen entstanden, die sich in ihrer Größe, in der Bandbreite der verschiedenen Berufssparten ihres Angebots und in den Niveaus der angebotenen Kurse unterscheiden. Dies macht es notwendig, die Vergleichbarkeit der in der Further Education erreichten Abschlüsse über zentrale Prüfungsorganisationen auf nationaler Ebene zu gewährleisten. Prüfungsorganisationen sind selbständige Unternehmen, die sich aus Kurs- und Prüfungsgebühren finanzieren und vom Bildungsministerium formal unabhängig sind.
Die bedeutendsten Prüfungsorganisationen auf nationaler Ebene sind:
– das Business and Technology Education Council;
– das City and Guilds of London Institute;
– das Royal Society of Arts Examinations Board.
Im Oktober 1986 wurde dann der National Council for Vocational Qualifications (Nationaler Rat für berufliche Qualifikationen) als selbständige Organisation von der Regierung gegründet, die der Arbeit der Prüfungsorganisationen einen einheitlichen Rahmen verleihen sollte. Das System beruflicher Qualifikation soll dadurch verbessert werden, daß alle beruflichen Qualifikationen auf national vereinbarte und verbindliche Standards beruflicher Kompetenz bezogen werden. Dies bedeutet, daß aufgrund berufsspezifischer Anforderungen die Kompetenzen festgeschrieben werden, die der Besitzer einer bestimmten Qualifikation vorweisen können muß. Anhand dieser Kompetenzen wurden National Vocational Qualifications (Nationale berufliche Qualifikationen, NVQ) eingeführt, die gewährleisten sollen, daß eine berufliche Abschlußqualifikation, die einer definierten NVQ entspricht, auch die entsprechenden Fähigkeiten des Absolventen garantiert, soweit dies in Bildungsfragen möglich ist.
Der National Council for Vocational Qualifications hat außerdem allgemeine berufliche Qualifikationen entwickelt. Die General National Vocational Qualifications (GNVQ) sind berufsfeldbezogene, allgemeine Qualifikationen. Sie werden seit September 1993 auf drei Niveaustufen angeboten. Die höchste Stufe, das fortgeschrittene Niveau, entspricht dabei in ihrem Anspruch etwa 2 GCE A-Levels oder einer NVQ der Stufe 3. Die Standing Conference on University Entrance (Ständige Hochschulkonferenz zum Hochschulzugang) hat die Anerkennung der GNVQ als Eingangsqualifikation zum Hochschulstudium empfohlen.
In den GNVQ-Kursen sollen die Teilnehmer allgemeine wirtschaftliche Kenntnisse erlernen, ein Verständnis für berufliche und wirtschaftliche Sachverhalte entwickeln und allgemeine Fähigkeiten im Bereich Kommunikation, Mathematik und Informationstechnologie erlangen.

 

5. Zusammenfassende Wertung
Die Teilnehmerquoten im Bildungswesen nach Ende der Pflichtschulzeit liegen im Vereinigten Königreich im Vergleich zu anderen EU-Staaten ausgesprochen niedrig. Im Zeichen des Europäischen Binnenmarktes ist es im Interesse der britischen Regierung, die Bildungsteilnahme der 16- bis 18jährigen zu erhöhen, um die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit des Vereinigten Königreichs gegenüber den führenden Industriestaaten der Europäischen Gemeinschaft zu sichern. Der Anteil der sechzehnjährigen britischen Jugendlichen in vollzeitschulischen Bildungseinrichtungen, die sowohl die allgemeinbildenden Schulen wie auch berufliche Vollzeitausbildung in anderen Einrichtungen wie z.B. denen der Further Education in allgemeiner und berufsbildender Form umfaßt, liegt im Vereinigten Königreich bei 53%. Damit liegt das Vereinigte Königreich im Vergleich mit anderen EU-Staaten wie Frankreich, Deutschland und Spanien an letzter Stelle.
Die Teilnahme der britischen sechzehnjährigen Jugendlichen an teilzeitschulischen Bildungsmaßnahmen, wie etwa dem Besuch eines Further Education Colleges innerhalb des Youth Trainings, einer staatlichen Ausbildungsmaßnahme, oder im Abendstudium liegt hingegen im Vereinigten Königreich bei 41%. Dieser Anteil ist im Vergleich zu den anderen Ländern am höchsten. Während sich in den anderen Ländern der Großteil der Jugendlichen noch in vollzeitschulischer Ausbildung befindet, haben englische Jugendliche im Alter von sechzehn Jahren meist schon das vollzeitschulische Bildungssystem verlassen und nehmen an Teilzeitbildungsmaßnahmen teil.
Bei der Betrachtung der Altersgruppe der Sechzehn- bis Achtzehnjährigen zeigt sich weiter, daß auch hier der Anteil der Jugendlichen im Vereinigten Königreich in vollzeitschulischer Ausbildung im Vergleich mit insgesamt 36% am niedrigsten liegt. 33% dieser Altersgruppe befinden sich in teilzeitschulischen Bildungsmaßnahmen. Das berufliche Bildungswesen des Vereinigten Königreichs ist in den vergangenen 15 Jahren vor diesem Hintergrund weitreichenden Veränderungen unterworfen worden, um schulmüden Jugendlichen in Zeiten eines äußerst schwierigen Übergangs in die Arbeitswelt sinnvolle Alternativen anbieten zu können.

Quelle: DIPF (http://www.dipf.de/)

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